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Textilkombi

 


Es gab schon seit langem Versuche, etwas bequemeres als Lederkleidung zu konstruieren. Fackelmann, Hein Gericke und die Schoeller Textil AG im schweizerischen Sevelen dürfen hierbei als Vorreiter bei der Entwicklung von Textilkombi gelten. Heutzutage sind 3 von 4 verkauften Motorradkombis aus Textilfasern gefertigt.

Größtes Problem ist die Hitzebeständigkeit. Bei einem Unfall um die 100 km/h kann durch Reibung auf dem Asphalt an der Kleidung punktuell eine Temperatur von über 200 Grad Celsius entstehen. Herkömmliche Polyamid- und Polyestergewebe sind zwar sehr abriebfest, schmelzen jedoch bei solch einer Hitze und brennen sich schon nach wenigen Sekunden in die Haut des Fahrers. Aramidfasern, die vom  amerikanischen Chemiekonzern Du Pont unter dem Handelsnamen Kevlar entwickelt wurden, schmelzen hingegen nicht, sondern verkohlen lediglich, und das erst ab etwa 400 Grad Celsius. Mit diesen Eigenschaften eignen sich die typischerweise honigfarbenen, extrem zähen Fasern etwa für schussichere Westen, oder eben als Bestandteil von synthetischen Mischgeweben auch hervorragend für Motorradschutzkleidung, den Textilkombi. Teilweise werden in einem aufwendigen Verfahren die einzelnen Polyamidfasern sogar mit Aramid ummantelt.
Aber auch ohne Sturz sollte sich die Textilkombi nicht durch Wind und Wetter in Wohlgefallen auflösen und mitunter auch Attacken von verspritztem Benzin oder Motoröl standhalten. Die Gewebe müssen dementsprechend dauerhaltbar präpariert werden. Diese Prozedur ist eines der Geheimnisse des Webers, denn er legt die gewünschten Funktionen fest. Die Rohmaterialien sind meist dieselben, aber wie beim Kochen der Chef de Cuisine über die Zubereitung entscheidet, ist es hier der Chemiker oder  Textilingenieur.
Rund 30 Euro pro Kilogramm kostet allein das Garn für ein aufwendiges Kevlar-Gewebe. Ein hochwertiges Polyamidgarn, das zum Beispiel für ein Cordura-Gewebe benutzt wird, liegt
bei knapp zehn Euro das Kilo. Bereits um die 25 Euro verkaufen hingegen chinesische Billig-Konfektionäre auf dem globalisierten Weltmarkt bei entsprechender Stückzahl komplette Motorrad- Textilkombi einfachster Machart. Teilweise verhökern knallhart kalkulierende Trader in Hongkong diese Ware weiter nach Europa. Dort bieten auf Sportbekleidung spezialisierte Handelsagenturen die Bekleidunsstücke Supermärkten und Discountern an – zu Spottpreisen und ohne genaue Kenntnisse über die Herkunft und Qualität der Textilkombi. Letztlich landen diese zum Dumping-Preis als Wochenaktion auf den Wühltischen. Dass bei diesen Geschäften Entwicklungsarbeit und Qualitätsprüfungen eher nebensächlich sind, dürfte jedem ebenso klar sein wie die Tatsache, dass diese Textilkombi höchstens als Freizeitkleidung taugt und keinesfalls als Schutzkleidung herhalten darf.
Auf Motorradbekleidung spezialisierte Großhändler und Filialisten wie z.B. Polo, Louis oder Hein Gericke lassen die Textilkombi zwar ebenfalls ausschließlich in Fernost fertigen und vertreiben vergleichsweise große Stückzahlen, aber die Entwicklung bis zur Serienreife läuft an deren Firmensitzen. Und um etwaige Fertigungsmängel aufzuspüren, werden unabhängige Prüfstellen wie der TÜV Rheinland beauftragt, Stichproben der Textilkombi aus dem Handel herauszuziehen. Außerdem arbeiten diese Unternehmen lediglich mit asiatischen Zulieferern und Konfektionären zusammen, zu denen sich über Jahre ein Vertrauensverhältnis entwickelt hat. Vor allem in
Indonesien haben sich viele Konfektionäre in der Herstellung von Textilkombi einen guten Namen gemacht. Von einer guten Reputation eines Produkts wollen manchmal allerdings auch zuvor erwähnte Billigstanbieter profitieren, indem sie bestimmte Artikel stumpf kopieren. Allein Polo ließ unter Androhung von Rechtsmitteln in der Vergangenheit rund ein Dutzend auffällig gewordener Fremdprodukte vom Markt nehmen.
Eine vernünftige Motorradjacke wird kaum unter 150 Euro zu bekommen sein.  Mittelklasse-Textilkombi um 400 Euro, verkaufen sich hierzulande tausendfach. Viele Motorradfahrer denken an die Anschaffung eines zusätzlichen Sommeranzugs. Bei einem voll ausgestatteten Ganzjahreszeiten-Anzug haben die Biker wegen der vielen Reißverschlüsse und Druckknöpfe häufig Probleme. Viele legen sich lieber eine zweite Kombi zu, als sich mit den Unzulänglichkeiten einer Ganzjahreskombi herum zu schlagen.
Motorradfahrer, die sich für eine Textilkombi entscheiden, legen in der Regel großen Wert auf langfristig hohen Komfort zu allen Jahreszeiten. Anders als zu den Anfängen von synthetischer Motorrad-Textilbekleidung werden Käufer mit diesem Anliegen bei der heutigen riesigen Auswahl an Multifunktionskleidung problemlos fündig. Und auch in Sachen Unfallschutz hat sich eine Menge getan: In einer cleveren Zusammenstellung verschiedener Stoffe erreichen aktuelle Textilkombi inzwischen hervorragende Werte. Noch immer nicht so gut wie die von Leder, aber nahe dran. Warm anziehen müssen sich bei diesen günstigen Aussichten also allenfalls Leder-Fans, für die ein Wechsel zu einem Textilkombi ein absolutes Tabu ist.

 

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